Die Glaubwürdigkeit und die Reputation eines „Mediums“ werden hauptsächlich von den dort tätigen Journalisten geprägt. Bei der „Welt“ und „Welt am Sonntag“ sind es seit etwa eineinhalb Jahrzehnten vor allem der ehemalige Chefredakteur und heutige Herausgeber Ulf Poschardt sowie der Politikjournalist Robin Alexander, die das Medium nach außen repräsentieren und damit das Image definieren.
Ihre Rollen sind unterschiedlich. Während Vielschreiber Poschardt gerne polarisiert und zuspitzt, seine liberal-konservative Meinung mit großer Überzeugung und lautstark nach außen vertritt und bestimmte Wählermilieus verächtlich macht („Shitbürgertum“), tritt Alexander deutlich moderater auf.
Er ist ein Politikerklärer, der bestens informiert politische Prozesse und Inhalte durchdringt und sie auch Laien verständlich machen kann. In Talkshows ist er deshalb ein gern gesehener Gast. Seine Bücher wie „Machtverfall“ und „Letzte Chance“ sind Bestseller. Ganz aktuell wählten Politiker und Interessenvertreter Robin Alexander in einer Befragung von „Politik & Kommunikation“ zum besten Politikjournalisten. Sein Podcast „Machtwechsel“, den er gemeinsam mit Dagmar Rosenfeld moderiert, landete ebenfalls auf dem ersten Platz.
Alexander wird künftig nicht mehr als stellvertretender Chefredakteur für die „Welt“ arbeiten. Gemeinsam mit Rosenfeld will er seinen „Machtwechsel“-Podcast in Eigenregie fortführen. Der Pressemitteilung von Axel Springer zufolge soll er weiterhin eine Kolumne für die „WamS“ schreiben und regelmäßig im TV-Studio des Senders auftauchen. Aus dem täglichen Redaktionsbetrieb scheidet Alexander allerdings aus. Seine Informationen aus erster Hand werden nicht mehr im Springer-Neubau landen.
Positiver Spin
Durchschaubar ist nun der Versuch von Axel Springer, den De-facto-Abschied für sich ins Positive zu drehen. Der „Politik-Podcast ‚Machtwechsel‘ wird eigenständig“ lautet die Überschrift der Pressemitteilung. Claudius Senst, Chief Operating Officer (COO) und Mitglied des Vorstands, lässt sich folgendermaßen zitieren: „Unternehmertum und kreative Medienformate haben in unserem Haus höchste Priorität. Dagmar Rosenfeld und Robin Alexander stehen genau dafür. Als sie mit der Idee einer Kombination aus Selbstständigkeit und freier Autorenschaft auf uns zukamen, haben wir dies ausdrücklich begrüßt.“ Diese positive Attitüde wäre überaus großherzig von Axel Springer – und überraschend. Man könnte die Sätze sogar interpretieren, dass man sich über Alexanders Entscheidung freut. Wer glaubt das?
Faktisch bedeutet Robin Alexanders Abschied als Mitglied der Chefredaktion für die Marke „Welt“ einen großen Verlust. Allein seine TV-Präsenz in ARD und ZDF hatte einen hohen Wert. Der Journalist wird künftig in Talkshows sicher nicht mehr als „Welt“-Repräsentant auftreten, sondern als Host seines eigenen Podcasts. Schon aus Eigeninteresse dürfte er die Marke „Machtwechsel“ in den Fokus rücken. Die „Welt“ verliert mit „Machtwechsel“ ganz nebenbei ihren wichtigsten politischen Podcast.
Lesen Sie auch:
- Robin Alexander bester Politikjournalist
- Musk-Gastbeitrag versetzt „Welt“ in Krisenmodus
- Gehört, geehrt, gefeiert: Die Marke Ronzheimer
Hinzu kommt, dass Alexander in allen politischen Lagern geschätzt wird und als sachlicher Analytiker gilt, der seine politischen Präferenzen weniger ins Schaufenster stellt, als es Poschardt oder CEO Mathias Döpfner in ihren Leitartikeln machen. Einen weiteren Politikjournalisten mit derselben Bekanntheit und einem ähnlichen Renommee hat die „Welt“ nicht. Dem aktuellen Chefredakteur Jan Philipp Burgard ist es bisher nicht gelungen, ein eigenes starkes Profil zu entwickeln.
Kritiker der „Welt“, die sich spätestens seit Elon Musks in einen Gastbeitrag verpackten Wahlaufruf für die AfD darin bestärkt fühlen, dass die „Welt“ nach rechts blinkt, dürften sich durch Alexanders Schritt in ihrer Meinung oder ihren Vorurteilen dem Medium gegenüber bestätigt fühlen. Dass ihm die Veröffentlichung des Wahlaufrufs nicht gefiel, ist bekannt.
Trotzdem sollte man diese Tatsache nicht mit seiner jetzigen beruflichen Entscheidung in Verbindung bringen. Journalisten werden immer mehr selbst zu Marken, die unabhängig von ihren Medien funktionieren. Deshalb ist es für den 50-Jährigen wahrscheinlich einfach der optimale Zeitpunkt, mit einem starken Podcast im Rücken sein eigenes Ding zu starten.