Dürfen wir nie unsere Meinung ändern?

Zum Rücktritt von Boeings PR-Chef Niel Golightly

Es hat meinen früheren Boss erwischt: Niel Golightly zurückgetreten nach einem halben Jahr in seinem Traumjob. Er hat zuvor 15 Jahre lang bei Shell gearbeitet und mich damals in sein Team nach London geholt. Einer der besten Chefs, die ich je hatte. Niel Golightly habe ich als sehr klug, ausgewogen und vor allem als jemanden von hoher Integrität kennen gelernt.

Die Nachricht traf mich wie ein Hammer. „Boeing Communications chief resigns over 33-year-old article“, berichtet die „New York Times“ am 8. Juli. Inzwischen weiß ich, dass die Überschrift eines Blogs auf der Website der Airline Routes & Ground Services sechs Tage zuvor die Wahrheit wohl präziser trifft: „Boeing Communications chief Niel Golightly forced to resign.“

1987 schrieb der 29-jährige Marine-Pilot Niel Golightly einen Artikel für eine Militärzeitschrift. Unter der Überschrift „No right to fight“ vertrat er die These, dass Frauen in der Armee nicht zu Kampfeinsätzen zugelassen werden sollten; es also eine Männerdomäne gebe, in der Frauen fehl am Platz seien. Ich verkürze das Meinungsstück von vor 33 Jahren auf diesen wesentlichen Punkt.

Es führt zu heftigem Kopfschütteln, die Argumentation dahinter zu lesen. Sie ist einseitig, heute wie damals. Schreiend konservativ. Diskriminierend gegenüber Frauen. Geschrieben hatte den Artikel Niel Golightly als junger Mann, als Offizier im späten Kalten Krieg. Er war selbst Kind einer Soldatenfamilie und musste seine eigenen Ansichten offenbar erst noch formen. Der Artikel liest sich wie eine bewusste Provokation: Mal sehen, wie die Welt reagiert. Wie im Debattierklub an der Uni, in dem wir ausprobieren, wie weit eine steile These trägt.

Es gab Zustimmung und viel Kritik. Letztere hat Niel Golightly dazu gebracht, seine Meinung zu überdenken und zu ändern. Das behauptet er nicht erst seit heute. Er hat es vielmehr bewiesen, jahrzehntelang. Mir gegenüber mehr als sieben Jahre lang in der engen Zusammenarbeit, vielen Kolleginnen und Kollegen gegenüber genauso. Nicht zuletzt seiner eigenen Familie, indem er seine Patentochter dabei unterstützte, Kampfpilotin zu werden. Er half ihr also, genau das zu tun, was er Frauen im letzten Jahrtausend in seinem Artikel noch absprach. Es gibt kein anderes Zeugnis aus der langen Karriere von Niel Golightly, wonach er seine einstige These jemals wiederholt hätte. Er wusste, dass sie falsch war. Aber sie hat ihn dennoch eingeholt.

Niel Golightly (c) Boeing

Niel Golightly (c) Boeing

Wenige Monate nachdem Niel als Chefkommunikator zu Boeing gewechselt war, hat eine Mitarbeiterin oder ein Mitarbeiter diesen Artikel von 1987 aufgespürt und intern unter dem Vorwurf der Diskriminierung von Frauen zur Anzeige gebracht. Dann ging es schnell. Die Boeing-Führung hat Niel Golightly öffentlich dafür Respekt gezollt, dass er im Interesse des Unternehmens gekündigt habe. Die Überlegungen bei Boeing werden in etwa so gewesen sein: Wir stecken in einer existenziellen Firmenkrise. Und der, der uns dabei helfen soll, da herauszukommen, wird in seiner persönlichen Integrität angegriffen. Was immer er sagt und belegen kann: Besser schnell weg mit ihm, weil es uns sonst in unserer Arbeit lähmt.

Ich finde es schwer zu akzeptieren, dass eine 30 Jahre alte Meinung – früh korrigiert – schwerer wiegt als eine 30 Jahre lange Lebens- und Arbeitsbilanz. Ich habe über diese Geschichte auf meiner Facebook-Seite berichtet. Empört über die Heuchelei und vor allem das Unrecht, das Niel Golightly in meinen Augen angetan wurde. „Dennoch“, schrieb ich, sei sein Rücktritt „wohl unvermeidlich“ gewesen. Da hatte mir die Cancel Culture offenbar schon die Hirnwindungen verdreht. Gut, wer ehrliche Freund*innen hat. Ein Kommentar zu meinem Post lautete: „Wenn sich genügend Leute vor ihn stellen und ihn verteidigen würden, wäre das nicht möglich. Machen wir uns ehrlich: Es mangelt an Rückgrat, dieser gefährlichen Entwicklung entgegenzutreten. Wir haben alle Angst, dass wir die Nächsten sein könnten. Shame on us!“ Und ich habe mich geschämt.

Dürfen Politiker*innen, Manager*innen und jene, die öffentlich für Unternehmen sprechen, ihre Meinungen ändern?

Ja, sie dürfen es. Sie müssen es sogar. Im Englischen gibt es den Ausdruck „Point of view“. Er bedeutet mehr als Meinung. Es geht um den Standpunkt, den wir zu Themen einnehmen. Und der verändert sich im Lauf eines Lebens, weil sich die Dinge um uns herum bewegen, wir selbst weitergehen und damit unseren Blick auf sie notwendigerweise verändern. Nur Idioten nehmen die Welt und sich selbst als statisch wahr. Von Menschen, die stets behaupten, sie hätten dieses und jenes schon immer gesagt und gewusst, halte ich mich deshalb fern.

Angela Merkel hat unter dem Eindruck der Ereignisse in Fukushima ihren Standpunkt zur Atomkraft radikal revidiert und unter Bruch bestehender Verabredungen mit der Industrie den vollständigen Ausstieg aus der Kernenergie beschlossen. Und wer die Positionen von Herbert Diess, Vorstandsvorsitzender der Volkswagen AG, zur Elektromobilität über einen Zeitraum von wenigen Jahren vergleicht, erkennt eine vollständige Kehrtwende.

1987 hatte ich meinen Wehrdienst zwei Jahre hinter mir. Die allgemeine Wehrpflicht war nicht allgemein. Sie galt nur für Männer. Es gab keine Frauen, die in der Bundeswehr für Kampfeinsätze vorgesehen waren. Ich wüsste nicht, dass jemand, der das seinerzeit für richtig befand, deswegen heute zurücktreten müsste.

Ich bin mir sicher, fast alle von uns kennen eigene Beispiele dafür, dass wir unsere Bewertung von Sachverhalten und Menschen ändern. Auch ich habe in den letzten Jahrzehnten meine Haltung zu gesellschaftspolitischen Themen geändert. Sollen Schwule und Lesben Kinder adoptieren dürfen? Noch 1995 war meine Meinung „nein“. Dann eine Phase mit „weiß nicht“. Seit mehreren Jahren: „ja“, und nicht nur Schwule und Lesben. Sollte es ein generelles Tempolimit auf deutschen Autobahnen geben? Bis 2015: „nein“. Seither: „ja“. Könnte ein Bayer Kanzler werden? Bis Juni 2020: „nein“. Seither: „schaun mer moi“.

Zurück zu Niel Golightly. In Frage steht für mich nicht ein Mensch, der seine Einstellung zu einem Thema fundamental ändert. Die Frage ist eher, was es bedeutet, wenn jemand seine Position nicht revidiert, auch wenn er für die meisten erkennbar als Geisterfahrer unterwegs ist.

Dies ist kein Gastkommentar über die Maut auf deutschen Autobahnen, sondern über jemanden, der Boeing gerade in dieser existenziell schwierigen Zeit sehr hätte helfen können. Die Entscheidung des Unternehmens war in meinen Augen feige und doppelt schädlich. Sie hat einen Menschen zu Unrecht im Stich gelassen. Und das Unternehmen hat sich selbst langfristig geschwächt, indem es den radikalen Befreiungsschlag versuchte. „Here’s to you, Niel: Captain, my Captain.“

 

Dieser Beitrag erschien zuerst in der gedruckten Ausgabe TÖNNIES. Das Heft können Sie hier bestellen.