„Das klingt heulsusig“: Poschardt verlässt Twitter

„Hass und Opportunismus“

Twitter verliert ein weiteres prominentes Gesicht: Erst vor einer Woche hatte Tesla-Chef Elon Musk seinen Abschied von der Plattform bekannt gegeben (hat diesen jedoch mittlerweile wieder rückgängig gemacht); nun kehrt ihr Ulf Poschardt, Chefredakteur der „Welt“, den Rücken. Im eigenen Blatt (jedoch hinter einer Bezahlschranke) erklärt er seine Beweggründe. Dabei findet er deutliche Worte – sowohl für die Entwicklung der Diskussionskultur auf der Plattform im Allgemeinen als auch in Bezug auf das persönliche Unrecht, das ihm seiner Ansicht nach in dem sozialen Netzwerk widerfahren ist.

Die Twitter-Kulturlandschaft sei heute von zwei Grundzügen geprägt: Hass und Opportunismus – „beides Kerntugenden deutscher Rechtschaffenheit“, so Poschardt. „Bierernst“ und „Fraktionzwang“ sowie die Erwartbarkeit und Freudlosigkeit der Positionen, die im Rahmen der jüngsten Debatten auf Twitter kundgetan wurden, seien ebenfalls typisch deutsch. Differenzierte Wahrnehmungen – zu deren Vertretern er sich anscheinend zählt – blieben dabei auf der Strecke.

Weiterhin kritisiert Poschardt die „Schleimerei“, die auf der Plattform allgegenwärtig sei. Im Hass wie in der Liebe würden Twitterer ihren „geistigen Führungsoffizieren“ folgen. Die Wehrmachts-Metapher hat es Poschardt offensichtlich angetan. Dass seine Beschwerden „heulsusig“ klingen, erkennt Poschardt an, allerdings müsse sich, wer „neoliberal sein Leben effizient optimiere“, fragen, ob es noch etwas bringe, lediglich mitzulärmen.

warum ich erstmal keinen bock habe. danke für die schöne zeit! https://t.co/VtYQKbp9Y7 via @welt

— Ulf Poschardt (@ulfposh) November 7, 2019

Er habe einige Gewalt- und Todesdrohungen erhalten, über die sich kaum jemand empört hätte. Oft von links, wie Poschardt eigens betont. Es sei ein Grüner gewesen, der den Hashtag #kofferraum popularisiert habe, nachdem ein Linker aus Göttingen nicht ohne Häme gepostet hatte, unter der RAF würden „Hampelmänner des BRD-Imperialismus“ wie Poschardt noch im Kofferraum landen. Die Drohung, wie Poschardt sie betitelt, sei dutzendfach gefeiert worden. Rechts sei das Elend jedoch keineswegs kleiner.

Twitter habe als Ordnungsinstanz wenig Eingriffsmöglichkeiten und komme oft genug seiner Sorgfaltspflicht nicht nach. Poschardts Fazit: „Soziale Medien haben ihre besten Zeiten hinter sich“. Das Gute sei nur, dass jeder aussteigen könne. Diese Möglichkeit ergreift Poschardt nun – wenn auch eventuell nur vorläufig: Sein letzter Tweet mit Hinweis auf den „Welt“-Text enthält immerhin das Wort „erstmal“.

Poschardts Text umfasst außerdem – vielleicht überraschend – eine Art Entschuldigung bei einem weiteren bekannten Twitterverweigerer: Grünen-Chef Robert Habeck hatte die Plattform bereits Anfang des Jahres verlassen; Auslöser war eine Reihe von unglücklichen Tweets zur politischen Situation in einigen Bundesländern.

Damals hatten ihn viele Twitterer für seine angebliche Überforderung durch das soziale Netzwerk verhöhnt. Einer davon sei Poschardt gewesen – heute habe er seine Meinung geändert. Kaum verwunderlich, denn auch er war zuletzt wegen eines zweifelhaften Tweets in die Kritik geraten, als er dem Sänger Herbert Grönemeyer Steuerflucht unterstellte. Die unhaltbare Behauptung musste er schließlich richtigstellen.