In den Dialog kommen

Nachhaltigkeit

Frau Marell, Sie sind Bereichsvorständin der Schwarz Corporate Affairs, eines Unternehmens der Schwarz Gruppe. Bis vor Kurzem lautete Ihr Verantwortungsbereich noch „Unternehmenskommunikation und Nachhaltigkeit“. Warum die Umbenennung?

Wir, die Unternehmen der Schwarz Gruppe, wollten gemeinsam ein Zeichen setzen, dass wir ein Team mit der Koordination und dem Management der gesamten Stakeholder-Landschaften und Themen der Unternehmensgruppe beauftragen – mit einem 360-Grad-Anspruch. Dazu gehören bei uns vier Verantwortungsbereiche: die politische Arbeit, unter anderem mit Büros in Berlin und Brüssel, das Corporate Brand Marketing, die externe und interne Kommunikation sowie Nachhaltigkeit. Das Nachhaltigkeitsteam ist ausdrücklich kein Kommunikationsteam, sondern bündelt die strategische Expertise in gezielten Fachbereichen wie zum Beispiel zu Kreislaufwirtschaft, CR-Management und Enabling.

Sie haben mit „Voraushandeln“ eine Positionierung entwickelt, mit der Sie erstmals auch eine Dachmarke für die Gruppe etablieren. Warum?

„Voraushandeln“ ist keine Dachmarke, sondern unser gemeinsam herausgearbeiteter Markenkern. Der beschreibt unser zentrales Leistungsversprechen an unsere Stakeholder und Partner. Agieren statt reagieren – und das unter anderem mit Blick auf die für uns zentralen drei Megatrends: nachhaltiges Wirtschaften, gesundes Leben und digitale Souveränität. Nachhaltigkeit ist dabei überall integriert und essenzieller Teil unseres unternehmerischen Kerns. Unsere Wortneuschöpfung „Voraushandeln“ bringt auf den Punkt, was die DNA der Unternehmen der Schwarz Gruppe ausmacht. Sie ist kein Motto für unsere Nachhaltigkeitsaktivitäten, sondern beschreibt, wie alle Unternehmen der Schwarz Gruppe grundsätzlich handeln.


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Die Schwarz Gruppe besteht aus fünf eigenständigen Sparten: Lidl und Kaufland, der Schwarz­ Produktion als Lebensmittel- und nachhaltigem Verpackungshersteller, dem Full-Service-Umweltdienstleister PreZero sowie der IT- und Digitalsparte Schwarz Digits. Hinzu kommen Gesellschaften wie Ihre, die Schwarz Corporate Affairs. Was sehen Sie als Ihre zentrale Aufgabe an?

Unsere zentrale Aufgabe bei Schwarz Corporate Affairs ist, „Voraushandeln“ auf verschiedenen Ebenen erlebbar zu machen. Wenn ich nach innen schaue, bedeutet das unter anderem, den Kulturwandel voranzutreiben. Wir wollen mehr in den Dialog kommen, uns über die Sparten hinweg austauschen, Communitys schaffen. Gleichzeitig unterstützen wir mit unserer Arbeit auch die nachhaltige Transformation des Kerngeschäfts der Unternehmen der Schwarz Gruppe.

Können Sie dafür ein Beispiel nennen?

Das Besondere an dem Ökosystem der Unternehmen der Schwarz Gruppe ist, dass wir den gesamten Wertschöpfungskreislauf abdecken. Wir produzieren, handeln, entsorgen, recyceln und digitalisieren. Das ermöglicht uns auch, dass wir innerhalb dieses Ökosystems Nachhaltigkeit entlang der gesamten Wertschöpfungskette vorantreiben können.

Ein Meilenstein im Rahmen unserer Nachhaltigkeitsaktivitäten war zum Beispiel, dass wir als Unternehmen der Schwarz Gruppe im September 2024 ein offizielles gemeinsames Net Zero Commitment bei der Science Based Targets Initiative abgegeben und extern kommuniziert haben. Bis spätestens 2050 wollen wir alle Emissionen, die in unseren eigenen Unternehmen und entlang der Wertschöpfungskette entstehen, auf Netto-Null reduzieren. Wir sind bereits seit 2020 Mitglied der Science Based Targets Initiative, denn wissenschaftsbasierte Klimaziele bilden das Fundament unserer Nachhaltigkeitsaktivitäten. Das gemeinsame Net Zero Commitment war ein Meilenstein mit Blick auf unser Klimaengagement.

Wie groß ist Ihre Abteilung?

In meinem Corporate-Affairs-Team arbeiten rund 100 Personen, knapp 40 davon im Team Nachhaltigkeit. Darüber hinaus gibt es in jeder der fünf Sparten ebenfalls Corporate-Affairs-Teams, mit denen wir eng zusammenarbeiten.

Das Nachhaltigkeitsteam ist das größte in Ihrem Verantwortungsbereich. Gibt es auch den Ton an, wenn es darum geht, was kommuniziert wird?

Wir arbeiten grundsätzlich bereichs- und funktionsübergreifend zusammen. Wir haben diverse Schnittstellen, etwa bei Presseanfragen, bei der Weiterentwicklung der Marke oder bei Veränderungen der gesetzlichen Vorgaben. Wir besprechen innerhalb unseres Corporate-Affairs-Teams immer gemeinsam, welche Themen für die Unternehmen der Schwarz Gruppe wesentlich sind.

Unser CR-Bereich hat die Aufgabe, die gesamte Transformation in Bezug auf Nachhaltigkeit gemeinsam mit allen Sparten zu entwickeln. Dazu gehört zum einen die strategische Entwicklung und Koordinierung aller Nachhaltigkeitsaktivitäten. Zum anderen wird inhaltlich gearbeitet, Expertise vermittelt, Wissen gezielt geteilt; Guidelines werden entwickelt. Wichtig ist uns dabei, den Austausch und die Zusammenarbeit aller Kolleginnen und Kollegen über alle Sparten hinweg, beispielsweise durch themengeleitete Communitys, verstärkt zu fördern.

Wie stimmen Sie innerhalb der Schwarz Gruppe ab, welche Themen in Bezug auf Nachhaltigkeit kommuniziert werden?

Wir haben gemeinsam verschiedene Kernbereiche identifiziert, die relevant für mindestens zwei oder drei Sparten sind. Auf die fokussieren wir uns strategisch als Unternehmen der Schwarz Gruppe. Dazu gehören unter anderem Klimaschutz, Ressourcennutzung, Kreislaufwirtschaft und auch der Themenkomplex soziale Verantwortung. Dabei verfolgen wir zusammen eine klare und langfristige Nachhaltigkeitsagenda zum Beispiel mit unserem Net Zero Commitment und konkreten Zielen zur Stärkung der Kreislaufwirtschaft. Ausarbeitung und Abstimmung erfolgen dann in verschiedensten Terminen mit den entsprechenden Stakeholdern der Sparten. Gleichzeitig werden die individuellen Nachhaltigkeitskonzepte in jeder Sparte für sich vorangetrieben.

Die Nachhaltigkeitsvision der Schwarz Gruppe lautet „Mit Vielfalt global Verantwortung leben“. Alle acht führenden Vorstandsposten der Unternehmen sind von Männern besetzt. Im Nachhaltigkeitsbericht steht, dass sich der Anteil von Frauen in Führungspositionen von 2022 zu 2023 mit rund 42 Prozent praktisch nicht verändert habe. Sie engagieren sich bei Global Women in PR (GWPR), Frauenförderung dürfte Ihnen ein Anliegen sein. Wie gehen Sie mit diesem Widerspruch kommunikativ um?

Ich sehe das nicht als Widerspruch. Sie haben Recht, die Positionen der Vorstandsvorsitzenden sind jeweils männlich besetzt. Das heißt aber nicht, dass wir in der Unternehmensgruppe nicht auch weibliche Vorstände hätten. Wir haben diesen Umstand bereits als Thema erkannt und arbeiten konsequent daran.

Aus Angst vor Kritik kommunizieren viele Unternehmen Nachhaltigkeitsmaßnahmen nicht – Stichwort Greenhushing. Wie handhaben Sie das in der Schwarz Gruppe, die ja ohnehin lange Zeit für ihre zurückhaltende Kommunikation bekannt war?

Sie sprechen ein zentrales Thema an. Die Unternehmen der Schwarz Gruppe hatten lange den Standpunkt: Wir sagen lieber nichts oder wenig, denn je mehr wir nach außen geben, desto mehr wird kritisiert und bewertet. Inzwischen unterstützt das Management eine kommunikative Öffnung. Es ist eher ein evolutionärer denn revolutionärer Prozess. Wir wären vermutlich auch wenig glaubwürdig, würden wir jetzt plötzlich sehr laut aus dem Fenster rufen.

Welche Herausforderungen sehen Sie im Zusammenhang mit der deutschen und europäischen Regulierungskultur, insbesondere im Hinblick auf Innovation und Nachhaltigkeit?

Generell finde ich es schade, dass man in Deutschland und Europa erst tausendmal überlegt und reguliert, bevor man handelt. Neulich habe ich eine treffende Aussage gehört: Deutschland stellt Ampeln auf, lange bevor es Autos gibt. So ist die Mentalität, es gibt viel Schwarz-Weiß-Denken. Statt Unternehmensinitiativen wohlwollend zu beobachten, wird sehr viel mit Einschränkungen gearbeitet. Das stärkt nicht gerade die wirtschaftliche Innovationskraft.

Ein Beispiel: Verbraucher lehnen Plastikverpackungen aus nachvollziehbaren Gründen ab. Doch ohne sie bekommen Obst und Gemüse schneller Druckstellen. Sie verfaulen schneller. Das befördert Lebensmittelverschwendung. Wir arbeiten im Rahmen der gemeinsam beschlossenen Zero-Waste-Strategie der Unternehmen der Schwarz Gruppe zwar an recycelbaren Verpackungen. Aber dass Plastik im Grundsatz nicht direkt etwas Schlechtes ist, ist je nach Anspruchsgruppe und Hintergrundwissen nicht immer einfach zu vermitteln.

Nachhaltigkeit ist in der DNA der Schwarz Gruppe verankert. Im Hinblick auf andere Organisationen: Wann würde es Ihrer Ansicht nach keinen Sinn ergeben, Nachhaltigkeit und Kommunikation in einen Verantwortungsbereich zu integrieren?

Das hängt von vielen Parametern ab, zum Beispiel von der Unternehmensgröße oder in wie vielen Ländern man präsent ist. Was aber immer wichtiger wird, ist ein integriertes 360-Grad-Stakeholder-Management. Egal wie die organisatorische Aufstellung aussieht, es ist aus meiner Sicht wichtig, dass die einzelnen Disziplinen eng zusammenarbeiten – ob es um Marketing, Personal oder kommunikative Funktionen geht. Die Zukunft liegt darin, Themen zusammen zu entwickeln.

Dieser Beitrag erschien zuerst in der gedruckten Ausgabe #Nachhaltig. Das Heft können Sie hier bestellen.

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