„Ich kann auch mal losgelöst von einer ökonomischen Ratio entscheiden“

Beratung

Harald Christ ist Unternehmer und Investor. Er führt die Christ Group mit der Holding Christ Capital und den Beratungsmarken Christ & Company, Joschka Fischer & Company und Cosmonauts & Kings. Die Gruppe beschäftigt rund 120 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und erzielte im abgelaufenen Geschäftsjahr einen Umsatz von etwa 35 Millionen Euro. Christ war Bundesschatzmeister der FDP und zuvor Landesschatzmeister der SPD. Mit seiner Stiftung für Demokratie und Vielfalt fördert er unabhängigen Qualitäts- und Nachwuchsjournalismus.

Herr Christ, 2025 hatten nur 43,7 Prozent der Agenturen ein Umsatzplus. Warum kaufen Sie ausgerechnet jetzt Agenturen?

Harald Christ: Das ist relativ einfach. Wir beobachten im deutschen Markt eine Bereinigung: Es gibt inhabergeführte Agenturen, die an Altersgrenzen kommen – deswegen habe ich Joschka Fischer & Company vor zwei Jahren integriert. Und es gibt Agenturen, denen im Kundengeschäft die Skalierungsmöglichkeiten fehlen. Wir gehen nach dem Motto vor: Make it or buy it. Wir hatten Nachholbedarf bei der digital gesteuerten Kommunikation und Social Media. Da war die Frage: Stelle ich die Leute ein, oder kaufe ich eine Agentur, die das seit Jahren macht? Bei Cosmonauts & Kings konnten wir eine Agentur mit über 20 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern übernehmen, die genau die Lücke schließt.

Juri Schnöller ist bei Cosmonauts & Kings ausgestiegen, Jochen König bleibt. Kauft man die Etats oder die Köpfe?

Wir müssen keine Etats kaufen, weil wir auch dieses Jahr zweistelliges Umsatzwachstum haben. Wir kaufen vor allem Köpfe und Expertise. Jochen König ist kein Gesellschafter mehr, analog zu Joschka Fischer, aber er ist der Chef von Cosmonauts & Kings. Für ihn ändert sich gar nichts – im Gegenteil, es eröffnet sich ein viel größerer Skalierungseffekt. Aber Juri Schnöller, wir kennen uns lang und gut, wollte bewusst etwas anderes machen. Bei Käufen geht es mir in erster Linie um die handelnden Personen, in dem Fall um den Lead und das Team.

Sie bieten künftig dann wohl Paketlösungen an? Und wer führt, wenn mehrere Marken an einem Kunden arbeiten?

Wir sind 120 Leute in der Gruppe und können dem Kunden immer die Teams bauen, die zum Beratungsbedarf der Kunden passen. Als kleine Agentur können Sie ein Themengebiet abdecken, aber Sie kriegen die Breite nicht – und große Unternehmen fragen in der Breite mehr ab. Es gibt für jeden Kunden einen Key-Accounter, der eine Steuerungsrolle hat und sich die Expertise aus den Teams zusammenzieht, manche dauerhaft, manche nur für die jeweilige Thematik.

Müssen die Marken dann überhaupt eigenständig bestehen bleiben?

Das diskutieren wir jedes Jahr aufs Neue. Ich glaube, dass diese Markenvielfalt sinnhaft ist, weil jede Marke für eine bestimmte Historie und Expertise steht. Das ist das Frontend zum Kunden. In der Konsolidierung hat dafür keine Marke mehr ein eigenes Backoffice, keine eigenen Finanzen, kein eigenes Personalmanagement. Die zentralen Dienste liegen für alle in einer Einheit. Damit heben wir Kosten- und Skaleneffekte, und deswegen haben wir bei der Margengestaltung ganz andere Möglichkeiten.

Eine Top-Verpflichtung des vergangenen Jahres ist Ex-Verkehrsminister Volker Wissing. Was kann ein ehemaliger Bundesminister leisten, was ein Unternehmer, Investor oder Fachexperte nicht leisten kann?

Er ist Beiratsvorsitzender der Holding. Er hat vor allem den Auftrag, mich als ausgewiesener Anwalt und Gesellschaftsrechtler bei der Strukturierung meiner Unternehmensgruppe zu beraten: Geschäftsführerthemen, Organthemen, strategische Fragestellungen, vor allem auch testamentarische Dinge, auch mit Blick auf meine Stiftung. Er baut derzeit einen Beirat mit namhaften Persönlichkeiten auf, den werden wir im Herbst konstituieren. Volker Wissing ist operativ nicht für die Beratungsgesellschaften aktiv.

Das klingt nicht nach der klassischen Adressbuchvergoldung, die bei ehemaligen Ministern oft kritisiert wird. Ist das für Sie überhaupt ein Modell?

Das ist nicht sein Auftrag. Und ich sage das sehr bewusst: Mein Netzwerk ist so vielfältig – ich brauche keinen ehemaligen Politiker, um es auszubauen. Was Erfahrung angeht, durchaus. Wir haben einige ehemalige Politiker im Beratungsgeschäft, aber wegen ihrer Expertise, weniger wegen ihres Adressbuchs. Und: Wir lassen uns für einzelne Politikertermine nicht bezahlen. Unser Geschäftsmodell ist die ganzheitliche, langfristige Beratung unserer Kunden.


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Im Markt konsolidiert es, Gauly ist verkauft, die großen internationalen Häuser wachsen. Sie bleiben inhabergeführt. Was macht das für einen Unterschied?

Viele kleinere Agenturen verdienen kaum noch Geld, wenn man ehrlich ist. Sie können nicht ausreichend in die Zukunft investieren. Wir investieren jedes Jahr siebenstellige Beträge in das Unternehmen. Wir beobachten eine Konzentration zu größeren internationalen Zusammenschlüssen in der Beratung. Wir aber bleiben inhabergeführt und wollen trotzdem vorne mitspielen. Der Unterschied ist, dass hier der Inhaber eine Entscheidung trifft und Sie nicht irgendwelche Investoren am Tisch sitzen haben. Ich kann auch mal losgelöst von einer ökonomischen Ratio entscheiden, weil es am Ende mein Geld ist. Und die Mitarbeitenden wissen: Der Chef kocht auch noch selbst, die Tür ist immer offen. Unabhängig davon habe ich die operative Verantwortung für die Beratungsgesellschaften bereits im Januar 2025 an ein starkes Team übertragen.

Was wäre Ihr Claim?

Wir bauen Ökosysteme. Wir bringen Unternehmen, Investoren, Medien, Politik, Forschung und Wissenschaft zusammen. Wir haben zu unserem klassischen Business schnell die Themen Souveränität und Resilienz besetzt, beginnend im Sommer 2022 nach dem russischen Überfall auf die Ukraine. Vor zwei Jahren haben wir Defence besetzt, dazu die Innovationstechnologien: KI, Deeptech, Pharma, Biotech, Robotik, Quanten und Fusion.

Sie haben eine eigene Governance. Wie streng ist die, und wie läuft der Prozess ab?

Sehr streng, und sie wird auch gelebt. Wir übernehmen keine Mandate, die gegen europäische oder bundesdeutsche Interessen optieren. Viele Kunden, die hier gerne beraten werden würden, lehnen wir aufgrund einer zu großen Nähe zu bestimmten Staaten ab. Man muss ganz oft Nein sagen, durchaus bei spannenden Unternehmen, die nicht in unsere Mission passen. Wir gucken uns an: Was ist das Unternehmen, was ist die Geschäftsstrategie? Wer sind die Investoren, wer sind die handelnden Personen, was ist deren Reputation und Legacy?

Teilen Sie die Kritik, dass sich Unternehmen in der Vergangenheit zu wenig politisch positioniert haben?

Sie sitzen hier mit jemandem zusammen, der vor drei oder vier Jahren im „Handelsblatt“ ein großes Interview mit dem Zitat gegeben hat: Wer AfD wählt, gefährdet die Zukunft. Ich gehörte mit zu den Ersten, die gesagt haben: Wir müssen mehr Gesicht zeigen. Das erwarte ich auch von verantwortungsvollen Unternehmerinnen und Unternehmern. In einem Land, das mir hilft, Geld zu verdienen und erfolgreich zu sein, muss ich auch etwas zurückgeben. Sie müssen sich nicht alle parteipolitisch äußern, aber sie sollten zumindest gesellschaftspolitisch Haltung zeigen. Ich wünsche mir, dass in jedem Unternehmen das Bewusstsein gestärkt wird, dass man Verantwortung hat – nicht nur für seine Kunden und Beschäftigten, sondern auch für das Land.

Sie spenden immer wieder Geld an Parteien. Wieso eigentlich?

Ich war Bundesschatzmeister in einer Partei und zweimal Landesschatzmeister in einer anderen. Man muss den Menschen auch sagen: Demokratie kostet Geld. Wer sich die Parteifinanzen anschaut, weiß, dass die Zuschüsse aus dem Steuertopf und die Mitgliedsbeiträge bei sinkenden Mitgliederzahlen bei weitem nicht mehr ausreichen. Ich spende deswegen regelmäßig an unterschiedliche Parteien, wobei ich den linken und den rechten Rand nicht berücksichtige.

Und welcher Partei stehen Sie im Moment am nächsten?

Ich bin ein strategischer Wähler und habe auch damals als SPD-Mitglied nicht immer SPD gewählt. Ich bin Sozialliberaler. Bei der Stärkung der sozialen Marktwirtschaft bin ich nach wie vor sozialdemokratisch eingefärbt – wobei soziale Marktwirtschaft bezahlbar sein muss, deswegen bin ich für wirtschaftliche Stärke, und die sehen Sie eher im liberalen oder im CDU-Wirtschaftsumfeld. Auch die ökologischen Impulse der Grünen haben gezeigt, dass sie wertvoll sind. Mir ist völlig wurscht, ob eine gute Idee von den Grünen, von CDU/CSU, SPD oder FDP kommt. Was zählt, ist, dass sie unser Land voranbringt.


Das Interview ist eine leicht gekürzte Version des Interviews, das Harald Christ mit „Politik & Kommunikation“ geführt hat.

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