Den Zusammenhalt in der Krise stärken

Interne Kommunikation

Es gibt Momente im Leben eines Unternehmens, die sich nicht schönreden lassen. Etwa dann, wenn die Geschäftsleitung harte Einschnitte ankündigen muss. Mitarbeitende wissen, dass „Restrukturierung“ nicht nur eine abstrakte Berater-Folie ist, sondern ein echtes Risiko für die eigene Situation. Wie belastbar das „Miteinander“ wirklich ist, zeigt sich immer dann, wenn Zugehörigkeit nicht mehr selbstverständlich ist.

Organisationen verlieren in Restrukturierungsphasen häufig Vertrauen – nicht nur bei denen, die gehen, sondern auch bei denen, die bleiben. Die Organisationspsychologie beschreibt dieses Phänomen als „Survivor Syndrome“: Studien zeigen, dass nach Entlassungen Stress, Jobunsicherheit und sinkende Bindung bei den verbleibenden Mitarbeitenden zunehmen. Unsicherheit wirkt dabei wie Nebel – sie verlangsamt Entscheidungen, schwächt Zusammenarbeit und erhöht die mentale Belastung. Doch gerade hier hat Kommunikation ihren besten Moment. Denn sie kann Struktur in eine Phase bringen, in der Orientierung knapp wird und Angst Überstunden macht.


Lesen Sie auch:


Wir begleiten seit über zwei Jahrzehnten Unternehmen auch immer wieder durch harte Momente ihrer Unternehmensgeschichte – von Werksschließungen bis hin zu globalen Transformationsprogrammen. In unseren Projekten sehen wir: Miteinander zeigt sich vor allem auch dann, wenn es ernst wird.

Im Folgenden skizziere ich fünf Thesen, wie Kommunikation in Krisenzeiten das Miteinander schützen kann.

These 1: Vertrauen entsteht und bleibt, wenn sich ein Unternehmen seinen Herausforderungen stellt.

Viele Organisationen scheuen die klare Sprache. Sie „bereiten Mitarbeitende behutsam vor“, „prüfen Optionen“, „stellen alles auf den Prüfstand“. Doch hinter diesen Euphemismen hören Mitarbeitende nur eines: „Es wird schlimm – und niemand sagt uns wie.“

In der Vertrauensforschung gilt „Vorhersehbarkeit“ als eine der drei Grundkomponenten von Vertrauen. Das bedeutet: Transparenz schafft Vertrauen auch dann, wenn die Botschaft unangenehm ist. Oder besser: gerade dann.

Für die Praxis der Kommunikator*innen heißt das:

  • keine weichgespülte Rhetorik, sondern Aufrichtigkeit,
  • keine „schwierigen Phasen“, wenn Entlassungen bevorstehen,
  • keine künstlichen Optimismus-Formeln,
  • keine Delegation der schlechten Botschaften an „die da oben“ – Kommunikation ist eine gemeinsame Führungsaufgabe.

Stattdessen: klare Gründe, klare Kriterien, klare Zeitlinien. Radikale Ehrlichkeit eben. Die Organisation, die früh, nüchtern und ohne falsche Beschwichtigung informiert, verliert vielleicht kurzfristig die Ruhe, sichert sich aber langfristig den Zusammenhalt.

These 2: Das Miteinander gerät in Gefahr, wenn man unangenehme Entscheidungen nicht erläutert.

Aus der Krisenpsychologie wissen wir, dass Menschen harte Maßnahmen vor allem dann akzeptieren, wenn sie verstehen, warum sie notwendig sind, wie sie getroffen wurden und was als Nächstes passiert. Dies ist das Herz des „Sensemaking“-Ansatzes von Karl Weick: In Krisen suchen Menschen weniger nach Information und mehr nach Bedeutung.

Viele Unternehmen machen hier einen entscheidenden Fehler. Sie entscheiden erst und kommunizieren später. Oder sie kommunizieren, vermeintlich transparent, bleiben aber dann die Erläuterungen schuldig. Beides untergräbt das Miteinander.

Jede Entscheidung braucht ein Narrativ, das das Warum erklärt – aber ohne Schönfärbung. Dafür sollte der Zusammenhang deutlich werden, im Sinne einer ehrlichen Logik: Warum jetzt? Warum so? Was wurde abgewogen? Was bedeutet das für die tägliche Arbeit? Was nicht hilft, ist eine Erzählung wie ein Märchen, in dem „morgen alles besser wird“.

Ein Leitfaden für Führungskräfte kann helfen. Er sollte Folgendes beinhalten:

  • die strategische Begründung („Warum müssen wir handeln?“),
  • die Entscheidungskriterien („Wie wurden Maßnahmen gewichtet?“),
  • die konkreten Auswirkungen auf Teams und Aufgaben,
  • verbindliche Formulierungen für schwierige Stellen (damit niemand „driftet“),
  • eine klare Haltung (wertschätzend, nicht weichzeichnend),
  • Antworten auf die erwartbaren 15 Kernfragen der Mitarbeitenden,
  • Hinweise, welche Aussagen vermieden werden müssen, um Vertrauen zu schützen.

These 3: Der Kultur kann man nicht kündigen.

Das Besondere an Entlassungsphasen: Die verbleibende Belegschaft orientiert sich nicht nur an den Botschaften des Vorstands, sondern auch an seinem Verhalten. Der Kulturforscher Edgar Schein formuliert es sehr treffend: „Kultur zeigt sich in dem, was man bereit ist, zu verteidigen, wenn es schwierig wird.“ Die entscheidende Frage lautet also: Wie verhält sich ein Unternehmen in der Entlassungsphase gegenüber denen, die gehen – und gegenüber denen, die bleiben?

Hier zeigt sich das Miteinander in drei Dimensionen:

  • Würde:
    offene Gespräche, faire Verfahren, klare Ansprechpartner*innen, echte Zeit.
  • Gerechtigkeit:
    nachvollziehbare Kriterien, sichtbare Standards, keine Hinterzimmer.
  • Kontinuität:
    Haltung und Werte gelten auch unter Druck – oder sie gelten nie.

Die Gerechtigkeitsforschung („Colquitt-Modell“) zeigt: Wenn Menschen Prozesse als fair wahrnehmen, steigt das Vertrauen, selbst bei negativen Ergebnissen wie etwa Entlassungen von Teamkolleg*innen. Wer also das Miteinander schützen will, sollte vor allem auch die Prozessqualität schützen.

These 4: Angst löst sich nicht durch reine Information, aber durch Dialog.

In restriktiven Phasen versuchen viele Unternehmen, Unsicherheit durch „mehr Kommunikation“ zu bekämpfen: mehr FAQs, mehr Mails, mehr Updates. Doch Angst ist kein reines Informationsproblem. Die Forschung zu sozialer Kohäsion (Robert D. Putnam, James Coleman) zeigt: Angst löst sich nur durch Beziehung, also durch Dialog, Einordnung und Ansprechbarkeit. Wer das Miteinander erhalten will, muss die Dialogintensität erhöhen, vor allem dann, wenn niemand reden mag.

Die wirkungsvollsten Instrumente sind dabei überraschend schlicht: wöchentliche Lagegespräche in Teams (deutlich wirksamer als Newsletter!), „Was wir wissen / was wir nicht wissen“-Formate, Videobotschaften, die nicht perfekt, sondern präsent sind, offene Q&A-Runden mit echter Antwortpflicht.

Warum ist das so? Weil Dialog das einzige Format ist, das drei psychologische Faktoren gleichzeitig bedient: Zugehörigkeit („Ich werde gesehen“), Kontrolle („Ich kann Fragen stellen“), Orientierung („Ich weiß, wo wir stehen“). In schwierigen Zeiten stehen deshalb Austauschformate besonders hoch im Kurs. Nicht zuletzt, weil Gestik, Mimik und der Tonfall eine Rolle dabei spielen, wie Nachrichten auf- und angenommen werden.

These 5: Miteinander ist eine Vorsorge-, keine Akutmaßnahme.

Das stabilste Miteinander ist das, das vor einer Krise entsteht. Die gute Nachricht ist, dass wir Krisenfestigkeit in ruhigen Zeiten trainieren und vorbereiten können. Die drei relevanten Hebel basieren auf Befunden der Teamforschung (Amy Edmondson), der Führungsforschung (Gary Yukl) und der Kommunikationspsychologie (Friedemann Schulz von Thun). Sie beschreiben die strukturellen Voraussetzungen, die Kulturen krisenfest machen:

  1. Klare Gesprächsroutinen
    Teams, die gewohnt sind, Spannungen anzusprechen, gehen stabiler durch harte Phasen.
  2. Führungsfähigkeit in Sprache und Haltung
    Führungskräfte, die gelernt haben, schwierige Botschaften klar und menschlich zu vermitteln, verlieren auch unter Druck nicht die Linie.
  3. Kommunikationsarchitektur als Orientierungshilfe
    Ein System, das Relevanz filtert, Verantwortlichkeiten klärt und Fragen zulässt.

Aus unserer Sicht braucht es übrigens auch zwischen uns Kommunikator*innen in diesen besonderen und oft schwierigen kommunikativen Situationen ein stärkendes Miteinander. Dafür sind wir alle gefragt – mit einem offenen Ohr, einem Austausch von Best Practices und auch dem einen oder anderen Lese- oder Weiterbildungstipp. In Stark-Veränderungs- und Krisenphasen sind Vertrauen und Miteinander das wertvollste Kapital, das wir als Individuen und auch als Unternehmen besitzen.

Weitere Artikel