Eine wilde Woche

Hospitation beim VfB Stuttgart

Eigentlich sollte es eine ruhigere Woche werden, einen Tag nach der jährlichen Mitgliederversammlung des VfB Stuttgart, mutmaßte Tobias Kaufmann im September dieses Jahres. Er ist Direktor Kommunikation, Fans und Marke bei dem Fußballklub und hatte Mitte September einen besonderen Gast bei sich im Büro sitzen: den DAK-Kommunikator Daniel Caroppo. Der 46-Jährige ist seit 30 Jahren bei der ältesten Krankenkasse Deutschlands beschäftigt. Seit 15 Jahren ist er Pressesprecher, aktuell für die Bundesländer Thüringen und Baden-Württemberg.

Dort im Südwesten Deutschlands residiert auch sein Lieblingsfußballklub: „Ich lese seit meiner Kindheit alles über den VfB und ich finde, auch als alter Hase in der Kommunikation kann man immer etwas dazulernen.“ Bereits vor drei Jahren hatte er sich in die Gefilde der politischen Kommunikation begeben und im Stuttgarter Landtag hospitiert. Diesmal sollte es sein Herzensthema sein: der Fußball. Aber nicht bei irgendeinem Verein. „Als Tobias noch beim 1. FC Köln war, wäre ich nie auf die Idee gekommen, ihn um einen Schulterblick zu bitten“, sagt Daniel Caroppo und lacht. Tobias Kaufmann ist seit 2021 Mediendirektor der Stuttgarter und hat für seinen Gast einige Termine mit VfB-Teammitgliedern organisiert. „Zum Glück ist das so ein sympathischer Haufen, für mich wäre eine Welt zusammengebrochen, hätte ich im Verein nicht das erlebt, was ich auch als Fan erwartet habe“, resümiert der DAK-Sprecher, der für die Hospitation fünf Tage freigestellt und von seiner internen Tandempartnerin vertreten wurde.

Rückblick, Sonntag, 11. September: Auf seiner Website blickt der VfB auf eine „harmonische Mitgliederversammlung“ zurück. Doch auf dieser Versammlung hatte der Vorstand auch verkündet, dass es künftig drei prominente Vorstandsberater geben werde: die ehemaligen Nationalspieler Sami Khedira und Philipp Lahm sowie Christian Gentner, heute Mittelfeldspieler beim FC Luzern. Alle drei spielten früher in Stuttgart. Die Neuigkeit war bis zu diesem Zeitpunkt geheim gehalten worden, weil die Mitglieder als Erstes informiert werden sollten. Am Sonntag um 16 Uhr erhielten die Medienvertreter im Raum Stuttgart dann eine Einladung zu einer Pressekonferenz am Montagmittag. „Und die Hütte war voll“, sagt Daniel Caroppo, der auch im Publikum sitzen durfte. Einen Tag später läuft die Twitter-Timeline des Bundesligisten über, viele Fans fragten: Warum war Sportdirektor Sven Mislintat nicht auch auf der Bühne? Weshalb wurde sein im Sommer 2023 auslaufender Vertrag noch nicht verlängert? Sollen die bekannten Ex-Profis ihn ersetzen? Spekulationen, Emotionen, Wut.

 

Normalerweise sitzt Daniel Caroppo (re.) in der Cannstatter Kurve des VfB Stuttgart. Im September durfte er auf der Haupttribüne neben Tobias Kaufmann, dem Mediendirektor des VfB, Platz nehmen. © privat
Normalerweise sitzt Daniel Caroppo (re.) in der Cannstatter Kurve des VfB Stuttgart. Im September durfte er auf der Haupttribüne neben Tobias Kaufmann, dem Mediendirektor des VfB, Platz nehmen. © privat

„Es ist nicht so, dass wir um Aufmerksamkeit buhlen müssten“, sagt VfB-Kommunikator Kaufmann. „Unser Job ist es vielmehr, diese zu kanalisieren.“ Das sieht in Daniel Caroppos DAK-Arbeitsalltag anders aus: Dort sind von den jährlich 20.000 veröffentlichten Berichten über die Krankenkasse 94 Prozent selbst initiiert. Wenn Daniel Caroppo eine Pressekonferenz plant, fragen ihn die Medienleute mitunter, warum sie zu dieser und nicht zu einer anderen kommen sollten. In seiner Hospitationswoche beim VfB erlebt er drei Pressekonferenzen und – wie er sagt – Menschen, die eine gefühlte 6,5-Tage-Woche absolvieren und ihren Arbeitgeber lieben. Die hohe Emotionalität habe ihn fasziniert. Läuft ein Wochenendspiel schlecht, hat das Team am Montag miese Laune. Gewinnt der VfB, herrscht Euphorie. In einer Krankenkasse gebe es eine andere Form solcher Hochs und Tiefs.

Was hat er gelernt in dieser Zeit? „Ich bin beeindruckt von Tobias’ Gelassenheit, seiner Stressresistenz. Und ich habe gelernt, dass ein negativer Tweet nicht gleich ein Weltuntergang sein muss.“ Die Masse an nörgelnden Kommentaren, die sich im Fankosmos ergießt, kann ein einzelner Mensch ohnehin nicht steuern. Das möchte Kaufmann auch gar nicht. Wie gelangt er zu dieser Besonnenheit? „Positive und auch negative Emotionen gehören zum Sport, und Stimmungen drehen sich sehr schnell. Daran gewöhnt man sich“, sagt er. Ganz nach dem Motto: Wer die Hitze nicht verträgt, darf nicht Koch werden. Ihm habe aber gutgetan, dass er in dieser aufgeregten Zeit einen professionellen Austauschpartner an seiner Seite hatte. Jemanden, den er fragen konnte, wie er die Pressekonferenz erlebt habe. Ein intensiver Austausch off the records, also nichts für Medien­ohren.

Dieser Beitrag erschien zuerst in der gedruckten Ausgabe #Medienarbeit. Das Heft können Sie hier bestellen.

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