Beginnen wir diese Ausgabe von meinem Bilderbuch mit einer grundsätzlich guten Nachricht: Insgesamt werden die Auftritte von Spitzenpolitikerinnen und Spitzenpolitikern besser. Das liegt auch daran, dass man weniger die von X/Twitter gewohnten „Karl-Lauterbach-Handy-Peinlichkeits-Selfies“ sieht, sondern eher die offiziellen Accounts der Ministerinnen und Minister.
Natürlich nutzen diese inzwischen überwiegend professionelle Fotografinnen und Fotografen. Und das ist nicht ohne Grund ein Ausbildungsberuf. Nachteil: Wir alle zahlen dafür, dass die Selbstdarstellung der Berufspolitik besser wird. Dennoch gibt es noch einiges zu tun. Packen wir es an!
Das BMBFSFJ, Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend – auch Familienministerium genannt (oder im Gerhard-Schröder-Fachsprech: „Gedöns“) – liefert im Grunde genommen ab.
© Screenshot Instagram/@bmbfsfj
Hier haben wir ein schwieriges Motiv: Die Sonne kommt von links hinten, aber die Gesichter der Personen sind gut ausgeleuchtet. Wo viele Amateure versagen, liefern die Profis. Leider stimmt das Bild inhaltlich nicht: „Jugend erinnert“ – die steht aber abseits oder in den hinteren Reihen. Besser: Jugend ans Plakat, Ministerin und Amtsträger der Bethe-Stiftung werden untergemischt.
Dagegen ist das zweite Motiv in dieser Auswahl absolut top ausgewählt: Emotionaler, optisch perfekt inszeniert. Leider erst an fünfter Stelle in der Bildergalerie. Das Hauptmotiv bleibt austauschbar mit all den „Ich halte als Gruppe auf dem Foto irgendetwas hoch“-Fotos, wie wir sie von Linkedin täglich in der Timeline haben. Was es nicht gerade besser und attraktiver macht.
© Screenshot Instagram/@bmbfsfj
Wo wir schon mal bei Karin Prien sind: Wenn mich Coachees fragen, was sie denn auf der Bühne anziehen sollen, lautet meine erste Gegenfrage: „Wie ist die Bühne denn farblich gestaltet?“ Meistens hat man dazu zunächst keine Informationen vorliegen, die die Assistenz dann noch zeitnah beschaffen muss. Mit Sicherheit hätte Ministerin Prien bei dem folgenden Auftritt eine andere Farbkombination gewählt. Der helle Monitor rechts bringt reichlich Licht ins Bild und Prien „säuft ab“. Kein leichter Job für den Verband Bitkom, der hier das Bildmaterial erstellt.
© Screenshot Instagram/@bmbfsfj
Ferner kommt es auf den richtigen Moment an. In dem folgenden Bild können Sie erkennen, dass Prien in ihrer Rede eine Pause macht respektive eine ruhigere Passage bedient. Hier ist sie zwar durch das einfallende Licht etwas besser abgehoben vom Hintergrund, Mund und Hände lassen sie jedoch ausdruckslos im Bild verschwinden. Die Ministerin ist passiv. Dieses Motiv wurde als erstes Motiv der Bildergalerie gewählt.
© Screenshot Instagram/@bmbfsfj
Werfen wir nun einen Blick auf ein anderes Motiv. Auch hier hat Prien eine ruhige Passage in der Rede – aber ihre Präsenz ist um Längen besser. Wir erkennen im Foto von Marco Urban mehr Energie (Faust statt Handfläche und einen festen Blick ins Publikum) und vor allem: besseren Kontrast zum (pinken) Hintergrund. Auch dieses Motiv ist das erste in der Bildgalerie. Hier zu Recht. Deshalb ist es wichtig, von derselben Position bei Bewegungsabläufen mehrere Fotos vom selben Motiv zu machen. Oft sieht man erst hinterher, welches dieser zehn Bilder optimal ist: Wimpernschlag, Mund, Gestik – das muss alles zusammenkommen.
© Screenshot Instagram/@bmbfsfj
Ein tolles Positivbeispiel von Karin Prien ist beispielsweise diese Foto-Zitattafel von ihr, die das Ministerium gepostet hat:
© Screenshot Instagram/@bmbfsfj
Bewegungsunschärfe in der linken Hand (Dynamik), fester Blick, offenbar eine Situation in der öffentlichen Diskussion und ein fester, fokussierter Blick in den Raum hinein – passt. Dass sie das Mikrofon selbst in der Hand hält, lässt sie als aktive Rednerin erscheinen; sie wirkt aussagekräftiger. Würde ihr das Mikrofon von einer Moderatorin hingehalten, würde sie passiver wirken. Bevor Sie es ohnehin bemerken, gebe ich es offen zu: Ich bin wirklich begeistert, wie das Motiv von Fotografin Kira Hofmann gestaltet wurde. Ausdruck, Winkel, Licht, Dynamik, Beschnitt – passt alles.
Und warum habe ich wohl in dieser Kolumne zu Beginn Karl Lauterbach erwähnt? Nun: Werfen wir einen Blick auf seine Instagram-Übersicht, die von Screenshots seiner Twitter-Postings gefüllt wird.
© Screenshot Instagram/@karl_lauterbach_mdb
Irgendwer muss ihm mal sagen, dass Instagram ein visuelles Medium ist. Wer von Ihnen macht’s?




