Von seriös zu unseriös in 180 Sekunden

Buschardts Bilderbuch

Im inoffiziellen Handbuch zur Anleitung „Wie werde ich möglichst leicht zum Opfer von Internet-Memes?“ lautet die effektivste Regel: „Mach ein Foto von dir, wie du ein Schild hochhältst.“ Jeder Grundschüler kann demnach mit wenigen Klicks zum politischen Agitator werden.

Erstaunlich ist, dass ausgerechnet Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius sich mit einer solchen Steilvorlage ablichten lässt. Oft werden solche Motive mit Schild zu ernsten Themen oder Gedenktagen veröffentlicht. Es ist der optisch gewordene Schrei der Social-Media-Abteilungen nach Inhalt, der verbreitet werden muss und nicht in ein einfaches Foto passt. Wenn schon niemand mehr Texte lesen möchte, dann muss der Text halt auf ein Bild. Dazu gilt es als Politikerin oder Politiker natürlich sehr ernst zu schauen, damit der Text auch die entsprechende Bedeutungsschwere bekommt.

Nancy Faeser, damals Innenministerin, hat es mit einem Schild sogar vor Gericht geschafft. Den Originaltext „We Remember“ ersetzte David Bendels, Chefredakteur des rechtspopulistischen „Deutschland-Kuriers“, mit dem Text „Ich hasse die Meinungsfreiheit“. Er kassierte dafür ein Urteil von sieben Monaten Freiheitsstrafe auf Bewährung.

Jetzt kann man sich nicht nur vor Gericht trefflich darüber streiten, ob die Manipulation des Bildes eine erkennbar satirische Auseinandersetzung damit war oder eben nicht.

Sicher spielt in diesem Fall bei der moralischen (nicht juristischen) Bewertung des Akteurs, dessen politische Grundhaltung eine wesentliche Rolle. Mit etwas mehr als 2,5 Sekunden Nachdenken würde jeder Mensch, der auch nur ansatzweise reflektiert denkt, von selbst darauf kommen, dass Faesers „Meinungsfreiheit“ nicht aus der Hand der Ministerin stammen konnte. 2,5 Sekunden – das wäre dann doppelt so lange, wie die durchschnittliche Verweildauer auf einem Instagram-Bild beträgt, bevor ein User es liked oder weiterscrollt.

Das Meme-Risiko für Pistorius und ähnliche Schilder-Aktionen ist vor allem dann besonders hoch, wenn eine Bild-Text-Manipulation nicht offensichtlich überzieht, sondern sich dicht an das Original anlehnt.

Hierzu habe ich zwei Beispiele gegenübergestellt. Zunächst das echte Motiv mit dem von Pistorius auf Instagram veröffentlichten Schild mit dem Text „Tipp 6: Nimm Kinder ernst und glaube nicht automatisch Erwachsenen“. Er steht dabei vor einem grünen Hintergrund. Die Nachbearbeitung mit gängiger Office-Software dauert knapp drei Minuten.

Im Kontext dieser Kolumne steht eine zulässige Manipulation, um den Textinhalt bildlich besser zu veranschaulichen. Würde das von uns manipulierte Bild ohne Kontext und ohne den Hinweis: „Ich bin ein Fake-Foto“ im Internet verbreitet werden, wäre das möglicherweise wie bei Faeser ein Fall für die Juristen. Bei einem Verteidigungsminister, der qua Amt im Fokus von Fälschungen und hybrider Propaganda steht, ist es sogar recht wahrscheinlich, dass die Staatsanwaltschaft tätig würde.

Ein Schild ist schnell manipuliert

Wie würde das Bild mit dem Text: „Soldaten! Legt die Waffen nieder – ich habe Euch alle belogen!“ oder etwas weniger offensichtlich offensiv mit „Die Ukraine muss Gebiete abtreten – nur so geht Frieden!“ seine Wirkung entfalten? Solche Fake-Motive zu basteln, ist denkbar einfach.

Nun kann man Fälschungen im Internet nie vollständig verhindern. Aber man kann Fälschern das Leben schwerer machen und den unzähligen Gelegenheitsfälschern aus den Agitationszentren ihrer Homeoffice-Arbeitszimmer die Lust am schnellen Fälschen nehmen, indem man ihnen nicht ein solches Schild-Motiv als Vorlage liefert.

Was also tun? Nicht fälschungssicher, aber vielleicht eine konstruktive Herangehensweise wären folgende Ansätze: Besser als ein Schild wären ein gestalteter Hintergrund oder ein Symbol, das visuell mit dem Anlass verzahnt ist. Das könnten ein authentischer Ort, eine symbolische Geste oder ein historisch belegtes Artefakt sein. All das könnte nicht einfach wegretuschiert werden. Je mehr Kontext und Umgebung im Bild erkennbar sind, desto schwerer ist es, eine Manipulation glaubwürdig wirken zu lassen.


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Statt einen Hashtag isoliert abzulichten, verbindet man die Bildaussage mit einer echten Aktion oder Pose, die zur Botschaft gehört. Zu denken wäre an ein gemeinsames stilles Gedenken, symbolische Gesten an einem historischen Ort und an echte Objekte im Bild. Das macht das Bild narrativer und weniger geeignet für beliebige Umdeutungen.

Das kann aussehen wie: „Wir stehen heute am Ort X in stillem Gedenken an Y – und tragen diese Worte zusammen.“ Ein solcher Satz ist eingebettet in echte Körperhaltung, echte Blicke und eine reale Umgebung. Damit ist es weit weniger manipulierbar als ein alleinstehender Text.

Lösung für meine Hashtag-Klienten aus dem Foto-Coaching: Wir verwenden echte Hashtags aus dem 3D-Drucker. Diese kann man auch wunderbar in den Händen halten. Das bedeutet allerdings deutlich mehr Arbeit, wenn man sie fälschen möchte, weil sie als eigenständiges Objekt im Bild erscheinen.

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