Relevanz von Tiktok gesunken

Politische Kommunikation

Nach der Bundestagswahl haben sich die politischen Macht- und Kommunikationsachsen in Deutschland deutlich verschoben. Das zeigt eine aktuelle Medienanalyse von Unicepta. Demnach prägt Bundeskanzler Friedrich Merz die politische Berichterstattung so stark wie kein anderer Akteur. Die AfD baut ihre digitale Reichweite weiter aus. Gleichzeitig verliert Tiktok deutlich an Bedeutung, Facebook gewinnt an Einfluss zurück.

Grundlage der Analyse sind rund 349.000 Online-Artikel, mehr als 530.000 Parteinennungen und über 31.000 Social-Media-Posts aus dem Zeitraum vom 23. Februar bis 16. November dieses Jahres.


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Friedrich Merz ist demnach seit Amtsantritt der mit Abstand sichtbarste Politiker in Online-Medien. Er taucht sechsmal häufiger in Headlines auf als der zweitplatzierte Politiker Lars Klingbeil (SPD). Ausschläge in der Berichterstattung stehen vor allem im Zusammenhang mit seiner Kanzlerwahl in zwei Runden, seinen Besuch bei Donald Trump, der Kabinettsvorstellung sowie seinen innen- und außenpolitischen Reformvorhaben.

Auch auf Social Media zeigt sich laut Unicepta eine klare Verschiebung: Sechs der zehn interaktionsstärksten politischen Kanäle stammen aus dem Umfeld der AfD. Die Linke folgt mit deutlichem Abstand, während Regierungsparteien kaum Reichweite erzielen. Einzige Ausnahme unter den Top-10-Accounts ist Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU). Auffällig: Keiner der zehn reichweitenstärksten Accounts ist ein Tiktok-Kanal.

Mehrere SPD-geführte Ministerien – darunter Umwelt, Justiz, Bau und Entwicklung – bleiben in der öffentlichen Wahrnehmung weitgehend unsichtbar. Sichtbarkeit konzentriert sich vor allem auf sicherheits- und geopolitische Themen wie Migration, Verteidigung und Außenpolitik.

Debatten und Polarisierung finden wieder auf Facebook statt

Auffällig ist zudem ein deutlicher Plattformwechsel. Während Tiktok im Wahlkampf noch 41 Prozent aller Nutzerreaktionen auf sich vereinte, sind es in der Regierungsphase nur noch 17 Prozent. Facebook legt im gleichen Zeitraum von 8 auf 25 Prozent zu und wird erneut zu einem zentralen Ort politischer, häufig polarisierter Debatten.

„Unsere Analyse zeigt, wie stark sich die politische Medienordnung seit der Bundestagswahl verschoben hat“, sagt Florian Tesche, Senior Research and Data Analyst bei Unicepta. „Während im Wahlkampf Tiktok und polarisierende Social-Media-Inhalte die Reichweite bestimmten, wird die Debatte in der Regierungsphase wieder von klassischen Konfliktlinien und einzelnen Machtfiguren dominiert.“

Insgesamt konstatiert die Studie eine wachsende Polarisierung: AfD und Linke profitieren besonders von den Mechaniken sozialer Netzwerke, während Parteien der politischen Mitte an Sichtbarkeit und Deutungsmacht verlieren. Zugleich habe die neue Bundesregierung bislang kein geschlossenes kommunikatives Profil entwickelt, während oppositionelle Akteure klare narrative Räume besetzen könnten.

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