Das „Narrativ“ ist zum Lieblingswort der Kommunikation geworden. Es taumelt durch Agenturpräsentationen, Linkedin-Posts oder Strategiepapiere und wirkt dabei oftmals bedauerlich unscharf und banalisiert.
Wer verstehen will, wie Narrative funktionieren, sollte bei den großen Geschichten beginnen, mit denen Menschen seit Jahrtausenden ihre Welt erklären. Aus ihnen lassen sich sechs Bauprinzipien ableiten – mit konkreten Konsequenzen für Markenführung und Transformation.
1. Die Logik des Narrativs: Vergangenheit und Zukunft verbinden
Narrative ordnen ausgewählte Ereignisse zu einem bedeutungsvollen Zusammenhang, in dem Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft aufeinander verweisen.
Ein prägnantes Beispiel dafür ist der amerikanische Traum. Von der „Frontier“ der frühen Siedler, der Grenze zum noch unerschlossenen, „wilden Westen“, bis zum „Land of Opportunity“ erzählt er Amerika als ein Land, das sich immer wieder neu erfindet und Grenzen überschreitet. Historische Erfahrungen werden zu einem Versprechen für die Zukunft – auch und gerade, wenn dieses gesellschaftlich unter Druck gerät.
Starke Marken erzählen ihre Herkunft ebenfalls nicht nur nostalgisch, sondern leiten daraus einen Auftrag für die Zukunft ab. Johnnie Walker etwa formuliert mit „Keep Walking“ seine Geschichte als fortdauernde Bewegung. Der Aufstieg vom kleinen Lebensmittelgeschäft zur internationalen Whiskymarke wird zum Beleg einer Haltung, der „Striding Man“ wird zum Symbol für die Überwindung von Hindernissen: Wir sind geworden, was wir sind, weil wir weitergegangen sind. Und wir bleiben uns treu, indem wir nicht stehen bleiben.
2. Die Aufgabe des Narrativs: Identität und Orientierung stiften
Erzählen ist eine Form der Welterzeugung. Der Philosoph Paul Ricœur nennt dies „narrative Identität“. Auch Unternehmenskultur kann als die Summe der Geschichten verstanden werden, welche die Mitarbeitenden sich erzählen.
Das Narrativ um König Artus und die Tafelrunde etwa schafft Orientierung, wie gute Herrschaft, Gemeinschaft und Verantwortung aussehen können. Die runde Tafel symbolisiert den Anspruch auf Gleichrangigkeit der Ritter. Konflikte und Scheitern zeigen zugleich: Identität ist kein Zustand, sondern ein Anspruch, der sich im Handeln bewähren muss.
Bei Harley-Davidson wird diese identitätsstiftende Funktion unmittelbar sichtbar. Die Marke steht nicht nur für markante Motorräder, sondern für Freiheit, Unabhängigkeit und bewusste Nonkonformität. Clubs, Rituale und Symbole verdichten diese Vorstellung zu einer Gemeinschaft. Die Marke hilft ihren Anhängern, eine Antwort zu inszenieren auf die Frage: Wer bin ich – oder wer möchte ich sein? Deswegen gehört das Logo auch zu den beliebtesten Tattoo-Motiven.
3. Der Kern des Narrativs: Spannungen deuten
Wirksame Narrative kreisen stets um eine fundamentale Spannung, etwa um Bewahren oder Verändern, Individuum oder Gemeinschaft. Sie lösen solche Widersprüche aber nicht vorschnell auf, sondern geben ihnen Bedeutung.
Schöpfungsmythen gehören zu den ältesten Beispielen. Sie reflektieren die Frage, warum die Welt zugleich sinnvoll und widersprüchlich ist. In der jüdisch-christlichen Erzählung von Adam und Eva besitzt der Mensch Freiheit und wird dadurch verantwortlich, einschließlich der Möglichkeit zu scheitern. Das Narrativ verwandelt ambivalente Erfahrungen in ein gemeinsames Verständnis der Wirklichkeit.
Auch starke Marken beginnen nicht beim Produkt, sondern bei einer Spannung im Leben ihrer Kunden. Apple hat Technologie über Jahrzehnte nicht primär als Leistungsversprechen inszeniert, sondern als Antwort auf die Spannung zwischen Mensch und Technik: Technologie kann überfordern und entmenschlichen – oder Menschen befähigen, kreativ zu sein und ihre Möglichkeiten zu erweitern.
4. Der Motor des Narrativs: Konflikte in Bewegung bringen
Das Narrativ macht Spannungen aber nicht nur sichtbar, sondern ermöglicht damit eine Entwicklung. Ein bestehender Zustand erscheint nicht länger selbstverständlich, eine andere Zukunft wird vorstellbar. Genau hier wird das Narrativ für Transformation relevant.
Der Exodus ist ein dafür archetypisches Beispiel. Die Erzählung deutet die Sklaverei nicht als unveränderliches Schicksal, sondern als Zustand, der überwunden werden kann. Dies ist umso wichtiger, als mit dem Auszug des Volkes Israel aus Ägypten der Konflikt nicht beendet ist: Die Wüste wird zur Bewährungsprobe. Bis heute hält die Exodus-Erzählung diese Bewegung im jüdischen Selbstverständnis lebendig.
Airbnb greift mit „Belong Anywhere“ eine vertraute Spannung des Reisens auf: die Sicherheit des Bekannten auf der einen, die Neugier auf das Fremde auf der anderen Seite. Die Marke lädt dazu ein, das Unbekannte nicht zu vermeiden, sondern sich bewusst darauf einzulassen. Reisen wird als Möglichkeit verstanden, Teil eines lokalen Lebensgefühls zu werden. Wie beim Exodus entsteht die Bewegung nicht trotz des Konflikts, sondern gerade durch ihn.
5. Die Leistung des Narrativs: Komplexität reduzieren
Narrative reduzieren Komplexität, indem sie Ereignisse auswählen, ordnen und in einen verständlichen Bedeutungsrahmen stellen. Ihre Leistung besteht nicht darin, Wirklichkeit vollständig abzubilden, sondern darin, sie handhabbar zu machen.
Die Französische Revolution entstand aus einem Geflecht von Staatsverschuldung, sozialen Ungleichheiten, Versorgungskrisen, aufklärerischem Denken und politischen Machtkämpfen. „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ verdichtet diese Komplexität auf ein Narrativ, das weit über das historische Ereignis hinaus wirksam wurde.
Auch Marken können Orientierung schaffen, indem sie Komplexität reduzieren. Ikea tut dies in einer Kategorie, in der Geschmack, Budget, Raumgröße, Funktionalität und Lebensphase auf eine fast unbegrenzte Auswahl an Produkten und Gestaltungsmöglichkeiten treffen. „Ein besserer Alltag für die vielen Menschen“ strukturiert das Markensystem und reduziert Komplexität vom Ausstellungsraum über die Produktgestaltung bis zum Selbstaufbau.
6. Die Autorität des Narrativs: Handeln legitimieren
Narrative erklären nicht nur, was geschieht. Sie begründen auch, warum eine Haltung oder Handlung richtig und plausibel erscheint. Sie schaffen Zustimmung und Legitimität. Darin liegt ihre vielleicht größte Macht.
Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte von 1948 ist ein juristisches Dokument. Ihre Autorität beruht jedoch auf einem Narrativ, das sich über Jahrhunderte entwickelt hat: Jeder Mensch besitzt eine unveräußerliche Würde, unabhängig von Herkunft, Religion, Geschlecht oder gesellschaftlichem Status. Dieses Menschenbild prägt den Deutungsrahmen, aus dem Rechte und Pflichten ihre Legitimität beziehen.
Auch Unternehmen brauchen einen solchen Bezugsrahmen. Die niederländische Marke Tony’s Chocolonely leitet aus der Überzeugung, dass Schokolade nicht auf Ausbeutung und struktureller Ungleichheit beruhen darf, Konsequenzen für Lieferkette, Partnerschaften und politische Positionierung ab. Selbst die ungleich geteilte Schokoladentafel wird zum Symbol. Das Narrativ legitimiert damit Entscheidungen, die rein betriebswirtschaftlich erklärungsbedürftig wären.
Narrative kann man nicht erfinden
Die sechs Prinzipien zeigen, warum Narrative weit mehr sind als Storytelling. Sie sind kulturelle Orientierungssysteme. Sie verbinden Herkunft und Zukunft, stiften Identität, deuten Spannungen, erzeugen Bewegung, reduzieren Komplexität und legitimieren Handeln.
Deshalb lassen sich Narrative nicht beliebig erfinden und anschließend durch mediale Wiederholung „implementieren“. Ein wirksames Narrativ muss an reale Erfahrungen, Werte und Spannungen anschließen, in Entscheidungen sichtbar werden und sich im Handeln bewähren. Narrative werden nicht beauftragt, sie werden herausgearbeitet.
Lesen Sie auch:
- Das Erfolgsrezept starker Marken
- Studie: Wie neue CEOs ihren Start inszenieren
- Wie Marken aus der „Irrelevanzfalle“ kommen
Das Identifizieren eines starken Narrativs für Markenführung und Transformation beginnt deshalb mit den aufgezeigten sechs grundlegenden Fragen, die sich aus seiner Architektur ableiten:
-
- Welche Geschichte verbindet unsere Vergangenheit mit unserer Zukunft?
- Welche Identität und Orientierung stiften wir?
- Welche Spannung helfen wir zu verstehen?
- Welche Veränderung setzen wir in Bewegung?
- Welche Komplexität reduzieren wir?
- Und warum erscheint unser Handeln dadurch legitim?
Wer darauf überzeugende Antworten findet, besitzt noch keine Kampagne. Dafür etwas strategisch Wertvolleres: einen gemeinsamen Deutungsrahmen, in dem Marke, Kommunikation und Organisation zusammenpassen.